Neues Europäisches Bauhaus zwischen Sonntagsrede und Programm

Spaziergang durch Velenje während der Studientage der Fraktion im Oktober 2021 | Foto: Konstanze Kriese

Martina Michels

Artikel erschien im Nov/Dez. im Newsletter der LINKEN

Wir schrieben den September 2020. Die Kommissionspräsidentin Ursula von der Leyen hielt, mitten in einer nie da gewesenen Pandemie, ihre jährliche Rede zur Lage der EU. Sie verkündete wie so oft Visionen rund um den „Green Deal“, der sich durch sämtliche EU-Programme schlängeln soll. Doch ihr gelang es auch, Verwunderung auszulösen.  In dieser Rede bezog sie sich  auf das große Wiederaufbauprogramm gegen die Pandemie namens „NextGenerationEU“ und hielt fest: „Ich will, dass NextGenerationEU eine europäische Renovierungswelle auslöst und unsere Union zu einem Spitzenreiter in der Kreislaufwirtschaft macht. Aber dies ist nicht nur ein Umwelt- oder Wirtschaftsprojekt, sondern muss auch ein neues Kulturprojekt für Europa werden. Jede Bewegung hat ihr eigenes Gefühl. Wir müssen dem Systemwandel ein Gesicht verleihen – um Nachhaltigkeit mit einer eigenen Ästhetik zu verbinden. Deshalb werden wir ein neues europäisches Bauhaus errichten – einen Raum, in dem Architekten, Künstler, Studenten, Ingenieure und Designer gemeinsam und kreativ an diesem Ziel arbeiten.“

Damit war eine Hausnummer europäischer Politik in der Welt, die zu recht Neugier und Begeisterung auslöste, besonders bei der Bauindustrie und ambitionierten Architekt*innen. Doch es wurden auch Skepsis und Nachfragen lauter, weil weder ein Programm, noch eine Zielsetzung und Finanzierung folgte. Für Sachkundige aus Baukunst, Stadtsoziologie, Urbanistik oder Humangeografie waren die Beschäftigung mit dem Funktionalismus, mit sozialem Bauen, der Umgang mit öffentlich bebauten Räumen und die Auseinandersetzung mit industriekulturellen Bauten alles andere als neu. Sowohl innerhalb von Kulturerbe-Projekten, Kulturhauptstadt- als auch Lebensweise-Debatten, wie sie mit der Schrumpfung durch Abwanderung aus ehemaligen Industrie- und Kohleregionen jahrelang geführt wurden, sind viele Anknüpfungspunkte für das „Neue Europäische Bauhaus“ vorhanden.

Parkanlage in Velenje, einer Stadt mit erfolgreicher sozialer und gestalterischer Kommunalpolitik | Foto: Konstanze Kriese

Im Januar 2021 begann eine Konzeptphase mit Anhörungen und Tagungen, in der es etwas präziser hieß: „Das neue Europäische Bauhaus ist ein ökologisches, wirtschaftliches und kulturelles Projekt, mit dem Design, Nachhaltigkeit, Barrierefreiheit und Investitionen kombiniert werden sollen, um einen Beitrag zur Umsetzung des europäischen Grünen Deals zu leisten. Die zentralen Werte des neuen Europäischen Bauhauses sind daher Nachhaltigkeit, Ästhetik und Inklusivität. In der Gestaltungsphase soll in einem partizipativen Prozess das Konzept der Initiative ausgearbeitet werden.“ (siehe Kommissions-Homepage zum Projekt)Die Vorgehensweise bleibt ungewöhnlich. Eine der höchsten politischen Institutionen in der EU versucht eine Bewegung aus Kunst, Bau und Lebensgestaltung zu initiieren. Historisch war es umgekehrt. Die 1919 gegründete Bauhaus-Bewegung rieb sich mit der Politik und hatte auch ihre Vertreibung durch die Nazis in Deutschland zu verkraften.

In der Pilotphase mit Tagungen, Preisen und Projektskizzen konnte die Kommission die Intransparenz und unklare Finanzierung nicht ausräumen. Der Kulturausschuss wehrte sich mit Händen und Füßen beim drohenden Griff in sein kleines „Kreatives Europa“-Programm. Zum Teil mit Erfolg. Im September 2021 erschien endlich eine Mitteilung der Kommission, die der Umsetzung der Projektidee zum Neuen Europäischen Bauhaus gewidmet ist. Darin wird noch immer festgehalten, dass „Labore für kreative Innovation“ aus dem „Creative Europe Programm“ finanziert werden. Deshalb hatte ich die Kommission am 25. Oktober im Kulturausschuss gefragt, was sich hinter der Zaubervokabel „Labore für kreative Innovationen“ verbirgt und warum sie nicht, wie andere Teile des Neuen Europäischen Bauhauses auch aus dem Programm „Horizont 2020“ bezahlt werden. Derartige Labore könnten die Rückbau-Erfahrungen in schrumpfenden Regionen zusammentragen. Das sind klassische Forschungsprojekte mit gestalterischem Nutzen für ländliche Regionen und Städte. Alte Fragen des Bauhauses der 20er Jahre wären sofort auf dem Tisch, zum Beispiel was heute gemeinschaftliches „Wohnen für ein sozial-kulturelles Existenzminimum“ bedeutet. Der Selbstoptimierungswahn eines – wieder neue Baustoffe vernutzenden – Tiny-Houses kann damit sicher nicht gemeint sein.

Jetzt ist das Europaparlament gefragt. Industrie-. Regional- und  Kulturausschuss arbeiten in den kommenden Monaten gemeinsam an einen Bericht. Als Mitglied des Kulturausschusses bin ich also dabei und im Regionalausschuss habe ich direkt die Verantwortung für die Stellungnahme übernommen, damit aus dem Neuen Europäischen Bauhaus endlich ein transparentes, sozial und kulturell hochwertiges Programm werden kann.

Schulgebäude in Velenje, Slowenien | Foto: Konstanze Kriese

Ursprünglich erschienen auf DIE LINKE. im Europaparlament – Martina Michels