Festivals in der Post-Covid-Zeit – Festivals in the post-covid-19 era

Martina Michels

Rede/speech of Martina Michels Webinar of the group The Left (Deutsch/English below)

In drei Panels wurde heute in einem Webinar der Sinn einer Vernetzung Europäischer Festivals erörtert. Politikerinnen, Künstler, Kulturverwaltungen und Organisationen, wie Vertreterinnen der Europäischen Festival Association, des Europäischen Kulturtourismus-Netzwerks u. a. sprachen über die Möglichkeiten von Festivals, deren Zusammenhang im Kulturaustausch, in der demokratischen Debatte in unserer Gesellschaft. Martina Michels sprach zum Auftakt im ersten Panel. Wir dokumentieren hier ihre Rede und werden später an dieser Stelle unter diesem Link das Video der aufgezeichneten Veranstaltung hinterlegen. Hier findet ihr schon einmal das Programm.

_______German version – English below___________

Rede

Liebe Kolleginnen und Kollegen,

Drei Profilierungen enthält das neue Kreative Europe Programm 2021 – 2027 (hinsichtlich Festivals):

  1. die verstärkte Präsenz europäischer Werke bei internationalen Festivals
  2. werden 2021 noch eimal einzelne Festivals gefördert, die durch die Pandemie kaum stattfinden konnten und
  3. ab 2022 steht jedoch die Förderung eines Festival-Netzwerkes im Vordergrund;

Was können Festivals aus wirklich leisten?  Sind sie mehr, so nenne ich das jetzt einmal, als ein Ornament profitabler Märkte der Kulturindustrie?

Wie entwickeln Festivals ihre Eigenständigkeit voller künstlerischer Irritationen und Provokationen, über Fragen unserer Herkunft und einer demokratischen gerechten Zukunft?

Festivals sind oft Publikumsmagneten in der Reisebranche oder Treffpunkt eines künstlerischen Fachpublikum.

Doch wie können Festivals ihre eigene Geschichte künstlerischer Auseinandersetzung schreiben?

Um diese Fragen zu beantworten, lade euch ein, mir in meine sehr europäische Heimatstadt Berlin zu folgen. Ich werde exemplarisch beleuchten, was Berlin in diesem zweiten Covid-Sommer kulturell auf die Beine gestellt hat.

Was hat die Europäische Ost-West-Metropole Berlin in diesem 2. Jahr seit Pandemie-Beginn entwickelt?

Berlin ist u. a. bekannt für seine Techno- und Klubkultur, für die Berliner Theater-Festspiele, für queeren Tango oder die Berlinale. Die Berlinale ist eines der wichtigen Europäischen Filmfestivals.

Berlin hat einen linken Kultursenator in einer RRG-Regierung, Klaus Lederer. Er stand während der Pandemie fest zu den Kulturschaffenden, zur Hoch- wie zur Klubkultur. Er hat Förder- und Unterstützungsmöglichkeiten auch gegen die Förderung aus der Bundespolitik aufgelegt hat.

In Berlin leben über 180 Nationalitäten, die größte türkische und die größte polnische Community außerhalb der Herkunftsländer. Berlin ist Mitglied der European solidarity Cities, die sich der inhumanen Europäischen Migrationspolitik entgegenstellen. Diese Städte haben sich alle als sichere Häfen für Asylberechtigte erklärt. Auch das gehört zum geschichtlichen und kulturellen Grundverständnis Berlin.

Berlin hat begonnen, das koloniale Erbe, auch von den Ausgrabungen Südeuropas und Kleinasiens durch Schliemann u. a. aufzuarbeiten.

Berlin war 1936 nicht nur der Ort faschistisch eingefärbter Olympischer Spiele. Es war auch der Ort, an dem das aus Thüringen vertriebene Bauhaus flüchtete und die heutige Kunsthochschule in Berlin-Weißensee aufbaute. Es ist das lebendige Erbe einer demokratischen, ökologischen und sozial funktionierenden Baukultur. Dieses Erbe sollte wenigstens in der Neuen Bauhaus-Initiative der Kommissionspräsidentin eine Rolle spielen. Doch da ist leider noch allerhand ungeklärt.

Diese kleine Skizze meiner Heimatstadt will ich so stehen lassen und zu den vorsichtigen Öffnungen im zweiten Sommer der Pandemie kommen.

Die Senatsverwaltung für Kultur hat einen Fonds für eine Programm mit dem Namen „Draußen-Stadt“ aufgelegt. Damit werden kleine Musik-, Theater- und Straßenfestivals gefördert. Es wurden vor allem dafür 20 innerstädtische Flächen zur Nutzung ausgewiesen, die mit besonders einfacher Genehmigung und kostenfrei von den Projekten genutzt werden können.

Dies ist eigentlich auch ein politisches Statement der Senatsverwaltung, weil eines der größten Probleme der Stadt der boomende Immobilienmarkt ist, der das Schwinden öffentlicher Flächen nach sich zieht. Die Orte, an denen sich Menschen treffen können, werden immer weniger.

Ich finde diese Herangehensweise – öffentliche Flächen zu fördern – eben auch über den Gesundheitsaspekt von Corona hinaus – sehr interessant.

Die Inwertsetzung von Räumen in Städten durch private Immobilienfonds verkleinert den demokratischen Radius einer Kommune, einer Stadt, einer Region. Die Immobilienbranche begrenzt damit immer mehr Möglichkeiten des Kulturaustausch und der Begegnung in einem niedrigschwelligen Bereich, wie auf Wochenmärkten, Eckkneipen und in Ausflugsgegenden rund um die Innenstädte.

Die Idee, die aus den Schutzmaßnahmen gegen die Corona-Infektion entstanden ist, mehr innerstädtische öffentliche Flächen für kulturelle Begegnungen außerhalb von Gebäuden auszuweisen, verdient politisch eine große Aufmerksamkeit. Das kann auch ein Thema bei der Europäischen Vernetzung von Festivals sein, der Umgang mit unserem öffentlichen Raum.

Ein kleines Festival, dass sich in diesem Konzept „DraußenStadt“ neu etabliert hat, beginnt morgen und dauert bis zum 7. August. Es findet im Berliner Südosten statt, eine Gegend mit viel alter baulicher Industriekultur, etwas Natur für Familienausflüge, doch ohne touristische Attraktion.

Das kann sich mit dem Projekt: Summer of Performance vielleicht ganz schnell ändern.

Das Theaterprojekt – ein kleines Festival – wirbt mit 4 Inszenierungen – 2 Ensembles und einer einzigartigen Kulisse. Es ist genau aus der Erfahrung gewachsen, dass Straßentheater z. B.  kaum noch Räume finden. Die Stücke werden in einer ehemaligen Brauerei gespielt.

In der Ankündigung der Theaterleute heißt es:

„Für das Revier Südost in Berlin Schöneweide wird Grotest Maru, der Erfinder dieses Theaters, die Fassaden-Inszenierung Timebank an die besonderen architektonischen Potenziale des Ortes anpassen – die Künstler:innen agieren aus Fenstern, seilen sich mit Klettertechnik ab und präsentieren atemberaubende Szenerien. Das grundlegende Thema der Inszenierung, ein kritischer Blick auf die Mechanismen von Finanzmärkten und die menschliche Brutalität von Konkurrenz, Wettbewerb und Workaholism, wird verbunden mit dem Berliner Diskurs um Wohn- und Immobilienproblematik. Wie können wir eine menschlichere Stadt visionieren, in der wir unsere Life-Work-Sleep-Balance in Einklang mit ökologischem Arbeiten und Wohnen bringen?“ 

Besucht man die Veranstaltungen, dann trifft man auf das fahrende Theater aus dem Mittelalter, dass Klamauk, Artistik und Schauspiel mit einander verband. Dazu gibt es Marktstände und ein kulinarisches Angebot. Jeder kann dort, wie auf Flohmärkten, sich anmelden und einen Stand anmiete. Es ist ein Angebot für alle.

Trotzdem wird es mit hochaktuellen Fragen verbunden, mit denen sich Politik und Kultur auseinandersetzen muss, mit der Zerstörung unserer öffentlichen Räume, so dass den Künstlern nur noch bleibt, sich um Treppenhäuser oder Fensterrahmen von alten Ruinen zu winden, um uns die Augen zu öffnen.

Ich will an dieser Stelle meinen Ausflug in den Berliner Festivalsommer beenden.

Er zeigt, zumindest für mich eindrucksvoll, dass wir sehr viel tuen müssen, um Festivals über den einen europäischen Mehrwert hinaus, ein interessantes Profil zu geben, in dem uralte Fragen des demokratischen Dialogs über unser Zusammenleben gestellt werden.

Dann sind Festivals auf jeden Fall mehr als ein Treffen von Profession und Profit, dann geht es um öffentliche Räume, die uns allen zugänglich sein müssen und die wir erhalten oder wieder erkämpfen müssen.

Vielen Dank.

___________speech of Martina Michels____________

Dear colleagues,

The new Creative Europe Programme 2021 – 2027 contains three profiles (dealing with the Festival issue):

  1. the increased presence of European works at international festivals
  2. In 2021, individual festivals that could hardly take place due to the pandemic should be funded once again.
  3. from 2022, however, the focus will be on promoting a festival network;

What can festivals really achieve?

Are they more than an ornament of profitable markets of the culture industry?

How do festivals develop their independence full of artistic irritations and provocations, about questions of our origins/history and on a democratic and fair future?

Festivals are often crowd pullers in the travel industry or meeting places for an artistic audience.

But how can festivals write their own history of artistic engagement?

To answer these questions, I invite you to follow me to my very European hometown Berlin. I will exemplify what Berlin has been up to culturally in this second Covid summer.

What has the European East-West metropolis of Berlin developed in this 2nd year since the start of the pandemic?

Berlin is known for its techno and club culture, for the Berlin Theatre Festival, for queer tango or the Berlinale, among other things. The Berlinale is one of the most important European film festivals.

Berlin has a left-wing culture senator in a red-red-green government, Klaus Lederer. During the pandemic, he stood firmly by those working in the cultural sector, for high culture as well as for club culture. He set up funding and support possibilities even against the funding from federal politics.

Berlin is hometown to over 180 nationalities, the largest Turkish community and the largest Polish community outside the countries of origin. Berlin is a member of the European solidarity Cities, which oppose the inhumane European migration policy. These cities have all declared themselves as safe havens for asylum seekers. This is also part of Berlin’s grounding historical and cultural understanding.

Berlin has begun to come to terms with its colonial heritage, including the excavations of Southern Europe and Asia Minor by Schliemann and others.

In 1936, Berlin was not only the site of fascist-infused Olympic Games. It was also the place where the Bauhaus, which had been driven out of Thuringia, fled and built what is now the Kunsthochschule in Berlin-Weißensee. It is the living heritage of a democratic, ecological and socially functioning building culture. This heritage should at least play a role in the Commission President’s New Bauhaus Initiative. Unfortunately, however, there is still a lot of unfinished business.

I will leave this little picture of my hometown as it is and move on to the cautious openings in the second summer of the pandemic.

The Berlin Senate Department for Culture has set up a fund for a program called „Draußen-Stadt/Outdoor City“. This program supports small music, theatre and street festivals. Primarily for this purpose, 20 inner-city spaces have been designated for use, which can be used by projects with particularly simple permission and free of charge.

This is actually also a political statement by the senate administration, because one of the city’s biggest problems is the booming real estate market, which is causing public spaces to dwindle. The places where people can meet are becoming fewer and fewer.

I find this approach – promoting public spaces – very interesting, even beyond the health aspect of Corona.

The valorisation of spaces in cities by private real estate funds reduces the democratic radius of a municipality, a city, a region. The real estate industry is thus limiting more and more opportunities for cultural exchange and encounter in a low-threshold area, such as at weekly markets, corner pubs and in excursion areas around city centres.

The idea that arose from the protective measures against the Corona infection to designate more inner-city public spaces for cultural encounters outside buildings deserves a lot of political attention. This can also be an issue in the European networking of festivals, the handling of our public space.

A small festival that has newly established itself in this „DraußenStadt/Outdoor City“-concept starts tomorrow and lasts until 7 August. It takes place in the south-east of Berlin, an area with a lot of old industrial buildings, some nature for family outings, but no really tourist attractions.

That may change very quickly with the Summer of Performance project.

The theatre project – a small festival – advertises 4 productions – 2 ensembles and a unique setting. It has grown precisely from the experience that street theatre, for example, can hardly find spaces anymore. The plays are performed in a former brewery.

The theatre people’s announcement states:

„For Revier Südost in Berlin Schöneweide, Grotest Maru (director of the project) will adapt to the facade, staging Timebank to the special architectural potentials of the location – the artists will act out of windows, descend on ropes and present breathtaking sceneries. The basic theme of the production, a critical look at the mechanisms of financial markets and the human brutality of competition and workaholism, will be linked to the current Berlin discourse on housing and real estate issues. How can we envision a more humane city where we balance our life-work-sleep with ecological working and living?“

If you visit the events, you will see the travelling theatre from the Middle Ages, which combined jokes, artistry and drama. There are also market stalls and culinary offerings. Just like at flea markets, anyone can register and rent a stall. It is an offer for everyone.

Nevertheless, it is associated with highly topical issues that politics and culture have to deal with, with the destruction of our public spaces, so that the only thing left for artists to do is to wrap themselves around staircases or window frames of old ruins to open our eyes.

I want to end my excursion into the Berlin festival summer at this point.

It shows, at least for me impressively, that we have to do a lot to give festivals an interesting profile beyond the one European added value, in which age-old questions of democratic dialogue about our living together are asked.

Then festivals are definitely more than a meeting of professions and profit, then it’s about public spaces that have to be accessible to all of us and that we have to preserve or fight for again.

(Thank you).

Ursprünglich erschienen auf DIE LINKE. im Europaparlament – Martina Michels