„Wenn das kleine Handwerk weg ist, ist es vorbei“

Martina Michels beim TV-Interview in der Landfleischerei in Langeneichstädt | Foto: Peter Cichorius

von Karsten Kiesant, MDR SACHSEN-ANHALT

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Sachsen-Anhalt hat in zehn Jahren ein Drittel seiner Fleischereien verloren. Von 414 sank die Zahl der Metzgereien auf 287. Die Fleischindustrie, zunehmende Bürokratie und fehlende Förderung setzen dem Handwerk zu. MDR SACHSEN-ANHALT hat Martina Michels (Spitzenkandidatin der Linken für die Europawahl) gefragt, wie die EU da gegensteuern kann – beim Schlachttag in der Landfleischerei in Langeneichstädt.

Ich weiß noch, wo meine Rinder und Schweine herkommen, sagt Marcel Schreiber stolz. Es ist Schlachttag in seiner Landfleischerei in Langeneichstädt bei Mücheln im Saalekreis. Die Tiere stammen aus dem eigenen Stall. Oder von einem Landwirt, nur fünf Kilometer entfernt. Der weiß gekachelte Raum fühlt sich an wie in einer Dampfsauna: Es ist warm und feucht.

Martina Michels muss etwas aufpassen als sie eintritt. Die Bodenfliesen sind rutschig. Und das Thema, das sie erwartet, in gewisser Weise auch. Nicht klassisch-links. Also unsicheres Terrain für die Linke? Nein, sagt die Berlinerin. Im Europaparlament, wo sie seit 2013 auch die Interessen der Linken aus Sachsen-Anhalt vertritt, hat sie intensiv zum Thema Regionalentwicklung gearbeitet. Sie kennt die Sorgen des Mittelstands, gerade in Ostdeutschland.

Marcel Schreiber ist seit 1978 Fleischermeister. Aber so schlimm, wie jetzt, war es mit den vielen Vorschriften und Vorgaben noch nie, meint er. „Da wir ja EU-Betrieb sind und eine EU-Schlachtung haben, läuft das alles über die EU. Die Räume müssen getrennt sein. Wir dürfen nicht gleichzeitig zerlegen und schlachten. Auch die Untersuchung der Tiere durch den Tierarzt schreibt die EU vor.“ Das Schlacht-Tagebuch, das er führt, muss er zwei Jahre lang aufheben, um alles nachzuweisen.

Wie sinnvoll ist die Bürokratie?

Doch wie sinnvoll ist der ganze Aufwand? Die erste Frage, die er an die Europa-Politikerin hat, beschäftigt Marcel Schreiber offensichtlich sehr: Ob das in allen EU-Ländern die gleichen Bestimmungen für Fleischer seien? „Manche fahren ja noch mit der Eselkarre durch die Lande. Und ob die genauso kontrolliert wie jetzt hier in Deutschland? Das würde mich interessieren.“

Also die Regeln sind natürlich überall gleich. Deswegen reden wir immer von einem Dreiklang: EU, nationale und regionale Behörden. Es ist wie beim Autofahren: Die Verkehrsregeln gelten für alle. Trotzdem halten sich nicht alle dran. Die Frage, wie kann das kontrolliert werden, ist eine entscheidende, das stimmt.

Der Handwerksmeister ist mit der Antwort noch nicht zufrieden, bohrt nach: „Es gibt eine EU-Regel, aber jedes Land entscheidet dann selbst, wie intensiv es kontrolliert, oder?“

Michels verweist darauf, dass es natürlich Kontrollen vor Ort gebe. Am Ende bleibe die Frage: Wie kann man es effektiv kontrollieren, so dass die kleinen mittelständischen Betriebe etwas davon haben, nicht behindert werden und trotzdem die Regeln eingehalten sind. Das funktioniere ja in Deutschland. „Und in allen europäischen Ländern sollte es gleich sein, sage ich mal vorsichtig“, so Michels.

Marcel Schreiber führt die Politikerin durch den kleinen Betrieb. Alles ist eng und effizient. Angepasst an die Bausubstanz eines alten Bauernhofs und doch EU-gerecht. Einmal – während der ersten Bauphase seines Geschäftes – habe er EU-Fördermittel beantragt und erhalten. Darüber hinaus nicht. Der Grund: Der Aufwand ist zu groß. Man müsse „tausende Daten“ angeben. Auch dass man in Vorleistung gehen müsse, schrecke ihn ab. Aktuell ist ein Ausbau geplant; den stemmt er lieber alleine.

EU-Regeln bevorteilen die Fleischindustrie

Marcel Schreiber hat eine Erklärung dafür, warum nur noch wenige Fleischer selbst schlachten. Wenn sie die Rinder- oder Schweine-Hälften von den großen Schlachthöfen beziehen, fällt der ganze Papierkrieg weg.

Überhaupt ist er nicht so gut auf die Großen zu sprechen. Die würden die Preise drücken und würden ihre Interessen in der Politik leichter durchsetzen. Und wenn es Skandale gebe, dann meistens in der großen Fleischindustrie: 

Gerade was so hoch modern ist: eingeschweißt, aufgemacht, wieder eingeschweißt, neues Etikett drauf. Das ist natürlich eine Sauerei. Warum gibt’s die großen Schlachthöfe? Die gibt’s ja nur, ich sage mal so, weil hier in Deutschland alle nur billig essen wollen.

Neue Förderregeln für den Mittelstand

Kann die EU kleine Betriebe mehr unterstützen? Sie kann, sagt Martina Michels. Im EU-Ausschuss für Regionalförderung wurden die Richtlinien für die nächste Förderperiode bereits überarbeitet.

Für die Finanzierung über die regionalen Banken gibt es jetzt beispielsweise neue Regelungen bei der Förderung von kleineren und mittleren Unternehmen.

Wir haben 80 bürokratische Vereinfachungen vorgenommen. Wir nennen es Omnibus-Verfahren, wo man aus vielen Vorschriften eine gemacht hat. Das sind alles Sachen, die haben wir beschlossen, die liegen jetzt in der nationalen Umsetzung. Martina Michels, Europa-Abgeordnete der Linken

Ein Beispiel: Wer Fördergelder bekommt, musste bisher alle halbe Jahre einen Bericht schreiben. Jetzt nur noch einmal im gesamten Förderzeitraum. 

Nun müssten die Bundesländer, also auch Sachsen-Anhalt, ihre Verwaltungen daraufhin schulen, damit die Betriebe vor Ort davon auch erfahren. „Oft schimpft man viel über die EU und weiß eigentlich nicht , dass man es mit knallharter landes- oder bundespolitischer Umsetzung zu tun hat“, ist Michels überzeugt. 

Im Pausenraum der Firma breitet der Hausherr vor Martina Michels ein halbes Dutzend dicker Hefter auf dem Tisch aus. Wer Schweine oder Rinder schlachten und das Fleisch für den Verkauf verarbeiten will, braucht seit 2010 eine EU-Zulassung. Den damit verbundenen Papierkram erledigt der Fleischer immer am Wochenende.

„Ich bin kein Büromensch, ich schiebe das alles auf die Sonntage.“ Zwei bis drei Stunden koste ihn das pro Woche. Die EU-Abgeordnete, die auf Listenplatz 5 um den Wiedereinzug ins Parlament kämpft, hat der Besuch beeindruckt. Die Europapolitik müsse künftig viel mehr die regionalen Kreisläufe und die Regionen beachten. „Da gibt es noch viel Luft nach oben“, so ihr Fazit. Die eher düstere Alternative beschreibt Marcel Schreiber im besten mansfeldischen Dialekt: „Wenn das noch 20 Jahre so hinmacht, wenn das kleine Handwerk weg ist, dann ist es vorbei!“

Beitrag und Video des TV-Interviews unter mdr-Sachen-Anhalt-Politik