Kunst und Integration

Rede auf der Konferenz des META Projekts in Brüssel

(auf Deutsch und Englisch)

Kunst als Werkzeug zur Integration von Minderheiten und benachteiligten Gruppen in das Bildungssystem

„Art as a tool to integrate minorities and other disadvantaged groups in the education system“, hieß der Beitrag von Martina Michels, der für die Abschlusskonferenz Reducing Disparities in the European Education systems des META Projektes entstand. Das Projekt, dass sich mit dem Ausgleich von Bildungsunterschieden befasst, wird von der Internationalen Menuhin Foundation verantwortet und traf sich am 24. April 2018 in Brüssel (EESC) zum Erfahrungsaustausch zwischen Politik und Projekten.

Liebe Kolleginnen und Kollegen, Lehrerinnen un Lehrer, Künstlerinnen und Künstler…

Zunächst möchte ich Ihnen für die Einladung danken. Es ist mir ein Vergnügen, hier zu sein. Gestatten Sie mir zwei Vorbemerkungen zum Titel meines Beitrags, mit dem sie mir heute eine sehr schwierige Aufgabe gegeben haben. „Kunst als Werkzeug für …“ oder „Kunst als Mittel, um internationale, regionale, soziale oder ethnische Konflikte zu minimieren …“, diese Implikationen beschreiben eigentlich nicht mein Denken über Kunst. Zunächst: Künstlerische Äußerungen stehen für sich, sind eine besondere Form der Kommunikation mit eigenen Dialogen, eigenen Auffassungen, Erzählweisen und Entdeckungen. Deshalb möchte ich meinen Titel nicht als Instrumentalisierung von Kunstdialogen zur Lösung anderer Konflikte verstehen oder Kunst als Darstellung anderer Dialoge in Bildern oder Tönen begriffen wissen. Kommunikation mit Hilfe von Kunst ist ein eigene Wirklichkeit, um unser Leben zu verstehen, Identitäten zu finden. Sie braucht tatsächlich Räume und eigene Ressourcen in der Bildung, in der Gesellschaft, in den Medien, im Alltag.

Meine zweite Vorbemerkung: Ich bin keine Pädagogin, kein Erzieherin, keine Kunsttherapeutin. Ich bin Politikerin, die ein vitales Interesse an einer erfolgreichen Integration in unsere Gesellschaften hat, und ich präsentiere meine eigene Vorstellung davon, wenn man wie mit Integration erreichen sollte und an wen sie sich richtet.

Integration ist keine Einbahnstraße, sie ist nicht allein eine Aufgabe oder Verpflichtung für verschiedene Minderheiten. Integration ist per se ein Dialogprozess. Es spielt keine Rolle, ob es sich um die soziale Integration von Minderheiten handelt oder ob wir einen kulturellen Austausch zwischen Minderheiten, zwischen verschiedenen Geschlechtern, zwischen Geflüchteten, Migranten oder Menschen mit Einschränkungen organisieren. Jeder dieser Prozesse hat seine eigenen Implikationen, Erfahrungen, Regeln und Anstrengungen… Im Allgemeinen ist Kunst oder ist Kunstaustausch in den Bildungssystemen im Vergleich zu anderen klassischen Schul- oder informellen Bildungsprozessen ziemlich ungewöhnlich. Kunst verkörpert den enormen Vorteil, vom Wettbewerb befreit zu sein. Deshalb ist Kunst die adäquate Antithese zur Konkurrenz-Manie von Schule, Hochschule und Arbeitsleben: Kunst steht außerhalb der Konkurrenz-Manie von Schule, Universität und Arbeitsleben. Kunst könnte in diesem Sinne ein Mittel gegen die individuelle Vergleichbarkeit werden. Und: Kunst ist teilweise nonverbal, selbst Literatur ist oft Rhythmus und Klang, wie wir es in der Popmusik und beim Hören anderer Sprachen erleben. Auf der anderen Seite ist Kunst individuell und Kunst schafft eine Atmosphäre der Gemeinschaft. Kunst kann beides, denken wir an einfache populäre Artefakte wie Wiegenlieder, populäre Lieder und Allegorien in religiösen Institutionen oder politischen Bewegungen, an klassische Heldensagen oder Volkstänze.

Dies sind sehr allgemeine Befunde, die in Kommunikationsprozessen wie der Bildung einmal mehr die ungeheuerliche Kraft der Kunst ausmachen. Kunst kann nicht nur in der Integration und in Bildungsprozessen eine besondere Rolle spielen. Kunst spielt diese Rolle auch in supranationalen Integrationsprozessen, ganz real.

Folgen sie mir bitte 15 Jahren in die Vergangenheit. Ich möchte sie an die Zeit erinnern, als Europa zu Beginn unseres neuen Jahrtausends noch für eine gemeinsame Verfassung kämpfte:

Im Jahr 2005 betonte der türkische Schriftsteller Orhan Pamuk bei einer Preisverleihung: „In all den Romanen, die ich in meiner Jugend gelesen habe, wurde Europa nicht vom Christentum bestimmt, sondern vom Individualismus. Europa wurde mir als attraktiver Weg, auf dem Helden um ihre Freiheit kämpfen und sich selbst verwirklichen, offeriert.“ (Ich zitierte ihn sinngemäß)

Orhan Pamuk antwortete mit dieser Dankesrede direkt auf Frau Merkel in der Zeit, bevor sie die deutsche Kanzlerin wurde. Für die konservativen Politiker Europas war damals der christliche Bezug auf Gott in einer Verfassung wichtiger als eine EU-Mitgliedschaft der Türkei.

Der Beitrittsprozess mit der Türkei ist heute gescheitert. Heutzutage wird die christliche Referenz oft von rechtsextremen Bewegungen in ganz Europa benutzt.

Vielleicht könnten wir heute schon viel weiter mit einem echten kulturellen Austausch auch in politischen Prozessen sein, in den wichtigsten Implikationen der Integration zwischen den Regionen und in einem Europa voller kultureller Vielfalt. Ein ehemaliger Präsident unserer Fraktion, Lothar Bisky, sagte mir, mich an Claude Monet erinnernd: „Wenn ich die EU wieder begründen musste, würde ich diesen Prozess gerne mit der Kultur beginnen.“

Daher frage ich mich: Was war besser in der Politik – mehr kultureller Austausch oder der ideologische Schlagabtausch des 20. Jahrhunderts? Wir sollten zumindest von den Kulturbrüchen der Weltkriege lernen. Wir müssen eine nachhaltige Allianz zwischen Kunst und Bildung für Minderheiten, und auch für Mehrheiten schaffen.

Ich möchte meine letzten Minuten nutzen, um mehr als Politikerin zu agieren: Morgen wollen wir im Kulturausschuss einen Bericht über die Umsetzung der EU-Jugendstrategie verabschieden. Wir haben alle die Forderung, dass Gelder und europäische Subventionen nicht gekürzt werden dürfen. Jetzt, angesichts des Brexit, neigen die Debatten leider dazu, sich in die entgegengesetzte Richtung zu bewegen. Nur die Flaggschiffe Erasmus+ und Horizon 2020 werden bleiben und alle anderen Fonds werden ums Überleben kämpfen müssen. Und der Haushaltsanteil für den Kulturbereich ist ohnehin sehr gering.

Auf der anderen Seite beschäftigen wir uns in allen Programmlinien und Strategien mit Bildungsprozessen und dabei vor allem mit Überlegungen zur Beschäftigungsfähigkeit junger Menschen. So wichtig dies ist, so schnell und oft wird dabei ein ganzheitlicher Bildungsprozess politisch amputiert.

Abschließend möchte ich auf einen älteren Bericht über den interkulturellen Dialog von 2015 verweisen. Der Bericht der Abgeordneten des Europäischen Parlaments, Julie Ward, trug den schönen Titel: „Zur Rolle des interkulturellen Dialogs, der kulturellen Vielfalt und der Bildung im Förderung der europäischen Grundwerte.“ Ich war damals Schattenberichterstatterin. Neben der Spezifizierung der Verbindung mit sozialer Integration, dem Zugang zu Bildung, dem Wert von Kultur im engeren Sinne und der Rolle moderner Medien unterstrich ich in dieser Erarbeitung, dass unsere Wertdebatten heute zu oft auf interreligiöse Debatten reduziert werden.

Kunst ist ein großartiges Instrument, um diesen Tendenzen zu widersprechen.

Das ist alles nicht genug. Aber wir bewegen uns.

Und wir hören denen zu, die in Integrationsprozessen gute Erfahrungen mit Kunst gemacht haben. Wir brauchen mehr Druck von außerhalb des Parlaments, Best-Practice-Beispiele, wie sie heute bei Konferenzen vorgestellt werden.

ENGLISH VERSION

„Art as a tool to integrate minorities and other disadvantaged groups in the education system“

by Martina Michels

Dear colleagues, teachers, artists…

First of all, I’d like to thank you for the invitation. It´s my pleasure to be here. Allow me to make two preliminary remarks facing the title of my contribution: You give me a very difficult mission today. „Art as a tool to…” or“Art as a mean to minimize international, regional, social or ethnical conflicts…”, those implications don’t outline my genuine thinking about art. At first: The expression of art stands for itself as a special form of communication with its own dialogues, understandings, narrative methods and discoveries. Therefore, I don’t want to understand my title as an instrumentalization of art dialogues for solving other conflicts or for representing other dialogues in pictures or sounds.

Communication with the help of art is a separate field to understand our lives, to find identities. That actually needs space and own resources during education, in the society, in media, in everyday life.

My second preliminary remark: I am not a pedagogue, not an educator, not an art therapist. I am a politician having vital interest in successful integration to our societies, and I present my own perception of what integration should accomplish and to whom it concerns.

Integration is not a one-way street, not alone a work or duty for different minorities. Integration is a dialogue process per se. It doesn’t matter if it deals with the social integration of minorities or if we organize a cultural exchange between minorities, between different genders, refugees, migrants, disabled persons. But each and every process has its own implications, experiences, rules and efforts…

In general, art expressions or art exchange in the education systems are quite exceptionnal compared to other classical  school or informal education processes.

Art embodies the enormous advantage of being liberated from the idea of competition. That’s why art is the adequate antithesis to the competition mania of schools, universities and working lives: (That’s why art is located outside of the competition mania of schools, universities and working lives.)

Art expression could in this sense become a mean against the individual comparability.

And: Art could partly be nonverbal as well, even literature is often rhythm and sound, as we witness in pop music and by listening to other languages.

On the other hand, art is individual and art create an atmosphere of community. Art can both. We think of simple popular artifacts like lullabies, popular songs, and allegories in religious institutions or political movements, classic heroic sagas or popular dances.

These are very general findings that once again pervade the spicy power of art in communication processes such as education. Art can not only play a special role in integration and in educational processes. Art plays a real role in supranational integration processes, too.

Please, follow me 15 years back. I would like to remind you of the time when Europe was still fighting for a common constitution, for a treaty, at the beginning of our new millennium:

In 2005, at an awards ceremony, the Turkish writer Orhan Pamuk, emphasized: „In all the novels I read in my youth,   Europe was not defined by Christianity, but rather by individualism. Europe was given to me as an attractive road used by heroes fighting for their freedom to realize themselves. « (I quoted him analogously)

Orhan Pamuk answered with this acceptance speech directly to Mme Merkel in the time before she became the German chancellor. For the conservative politicians of Europe at that time the Christian reference to God in a constitution was more important than an EU membership of Turkey.

The accession process with Turkey has failed today. Today the Christian reference is often used by far right movements all over Europe.

Perhaps we would be much further today with more real cultural exchange also in political processes, in main implications of integration between regions and in a Europe that’s full of cultural diversity.

A former president of our group, Lothar Bisky, said onetimes to me remembering Claude Monet: “when I had to found the EU once again, I would like to beginning this process with the culture and art.”

Therefore, I ask myself: What was better in politics – more cultural exchange or the ideological exchange of blows of the 20th century? We should at least learn from the epic fails of the World Wars. We have to establish a sustainable alliance between art and education for minorities and for majorities, too.

I would like to use my last minutes to act more as a politician: Tomorrow we want to adopt a report on the implementation of the EU-Youth Strategy in the Culture Committee. There is at first the demand that funds and European subsidies should not be cut.

Now, in the face of Brexit, unfortunately the debates tend to go in the opposite direction. Only the flagships Erasmus+ and Horizon 2020 will remain and everything else will have to fight for survival and the budget for cultural fields is very small. On the other hand, in all programme lines and strategies involving educational processes we are mainly concerned about considerations of employability of young people.

As important as this is, as fast and often a holistic education process will become politically amputated. Finally, I would like to refer to an older report on Intercultural dialogue from 2015. The report of the Member of European Parliament, Julie Ward, was named in a beautiful way:„On the role of intercultural dialogue, cultural diversity and education in the promotion of European fundamental values.” 

I was shadow rapporteur at that time.

Aside from the specification of the connection with social integration, the access to education, the value of culture in the narrower sense  and the role of modern media, I underlined in this discussion that value debates today become too often reduced to inter-religious debates. Art is a great instrument to contradict these tendencies.

That is all not enough. But we move. And we listen to those who have good experiences with art in integration processes.

We need more pressure from outside the Parliament, best practice examples like presented during conferences as today.

Ursprünglich erschienen auf DIE LINKE. im Europaparlament – Martina Michels